Tiere als Bezugsobjekte

Bindungstheorie

Einer der wesentlichen Grundgedanken der Bindungstheorie nach Bowlby (1982) ist es, dass sich in der frühen Kindheit interne Arbeitsmodelle entwickeln, die sich aus sozialen Interaktionen mit wichtigen Bezugspersonen bilden. Diese Arbeitsmodelle beeinflussen das Bindungsverhalten des Kindes bei jeder neuen Bezugsperson. „Positive Interaktion mit wichtigen Bezugspersonen […] begünstigen die Entwicklung eines optimistischen und positiven Arbeitsmodells. Dieses wiederum beeinflusst die Entwicklung adaptiver Emotionsregulationsstrategien, eines positiven Selbstwertes, eines positiven psychosozialen Befindens und psychischer Gesundheit.“48 Negative Arbeitsmodelle und damit einhergehende negative Vorstellung über sich selbst und andere entstehen durch das Fehlen wichtiger Bezugspersonen oder wenn diese das Kind zurückweisen. Eine Fehlanpassung der prosozialen Fähigkeiten wird hierdurch wahrscheinlicher.

Obwohl Kinder, deren frühste Bindungserfahrungen erheblich negativ waren weiterhin in der Lage sind noch Vertrauenswürdigkeit und ein sicheres Bindungsverhalten zu erlernen, ist dieses durch die oben beschriebene Übertragung der Bindungsmuster in zwischenmenschlichen Beziehungen schwer zu realisieren und stellt eine schwierige Aufgabe für den Pädagogen dar. Bindungsauffällige Kinder misstrauen sowohl der Verfügbarkeit der neuen Bindungsfigur als auch deren angemessenen und schützenden Reaktionen. Ihre Erwartungshaltung an jedes neue Gegenüber lässt sich in etwa so beschreiben: „Nichts wird hier besser sein, nur die Erwachsenen wurden ausgetauscht“. Hieraus resultiert, dass die betroffenen Kinder ihren Stress oder ihre Bedürfnisse entweder gar nicht mehr signalisieren oder sich von der neuen Bindungsfigur nicht beruhigen lassen.

Bei Tieren, ins besonders bei Hunden, findet die übliche Übertragung der Bindungsmuster nicht - wie bei der zwischenmenschlichen Übertragung üblich - statt.

Dieses zeigen zahlreiche Ergebnisse der folgenden Studien:

• Kurdek (2008) untersuchte die Bindungsmuster von Hundebesitzern zu ihren Eltern, Partnern und dem Tier. Das Ergebnis zeigte, dass das Bindungsmuster von den Eltern und dem Partner eng miteinander assoziiert waren, jedoch das Bindungsmuster zu dem Tier hiervon unabhängig war.

• Julius, Niebergall und Beetz (2010) untersuchten das Bindungsmuster von Kindern. Ebenfalls kamen sie zu dem Ergebnis, dass es keinen Zusammenhang zwischen den generalisierten Bindungsmustern und den Bindungsmustern zum Tier gab.

• Auch die Studie von Julius et al. (2010) verzeichnete das gleiche Ergebnis. Hier wurden die Beziehungsmuster zu den primären Beziehungen und zu den Haustieren von 160 Kindern mit bereits erlittenen Beziehungstraumata erhoben. Die generalisierten Beziehungsmuster waren auch hier unabhängig von dem Muster gegenüber des Tieres. In dieser Studie wurde noch ein weiterer Faktor herausgestellt: Die Häufigkeit einer „sicheren“ Bindung war bei einem Tier in etwa viermal höher als zu einer menschlichen Bindungsfigur. Es zeigten sich somit 82% sichere Bindungsrepräsentanzen zum Hund und nur 19% zum Menschen)

Diese Ergebnisse unterstützen die Annahme, dass negative Bindungserfahrungen nicht auf Tiere übertragen werden.

Des Weiteren beschreiben Julius, Beetz, Kotrschal, Turner und Uvnäs-Moberg, dass in der Interaktion mit dem Tier vermutlich das Hormon Oxytocin freigesetzt wird.

Auch diese Annahme wird durch folgende Studie unterstützt:

• Odendaal kam im Jahr 2000 bei seiner Studie zu dem Ergebnis, dass der Oxytocin-Spiegel im Plasma sowohl beim Menschen als auch beim Hund signifikant anstieg, nachdem der Mensch den Hund 5-24 Minuten streichelte. Der Anstieg war höher, wenn die Probanden den eigenen, an Stelle eines fremden Hundes streichelten.

Das Freisetzten des Hormons Oxytocin bewirkt, dass sich sowohl Vertrauen als auch die Bereitschaft eine sichere Beziehung einzugehen, erhöht und somit die eigentlich erlernten Abwehrstrategien abschwächt oder sogar deaktiviert. Dieses führt wiederum zu einer erhöhten Offenheit, die der Pädagoge/Therapeut nutzen kann.